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Schreiben Aufgabe 1ย
Im Internet finden Sie ein Diskussionsforum zum Thema โVerantwortung in modernen Gesellschaften”. Nehmen Sie in einem Forumsbeitrag von ca. 250 Wรถrtern Stellung zu folgender Frage:
Sind problematische Einzelpersonen โ etwa Dopingsรผnder, rรผcksichtslose Manager oder autoritรคre Akteure โ vor allem Ausdruck individuellen Versagens oder vielmehr Symptome kranker Systeme?
Einzeltรคter oder krankes System โ wer trรคgt wirklich Verantwortung?
In jรผngster Zeit erschรผttern immer wieder Skandale die รffentlichkeit, sei es im Spitzensport, in der Konzernwelt oder in der Politik. Ein Podcast hat kรผrzlich die provokante Frage aufgeworfen, ob vorrangig der einzelne Tรคter oder vielmehr das ihn umgebende รkosystem auf die Anklagebank gehรถre. Diese Debatte verdient meines Erachtens eine differenzierte Auseinandersetzung.
Zugunsten der systemischen Sichtweise spricht ein eindrรผckliches Bild: Treiben tote Fische an der Oberflรคche, sollte man nicht die Fische, sondern das vergiftete Wasser untersuchen. So konnte Lance Armstrongs industriell organisierter Dopingbetrug nur deshalb derart globale Dimensionen annehmen, weil Verbรคnde und Sponsoren systematisch wegschauten, solange die Rendite stimmte. Ebenso sind die in einer โAnleitung zum Schweinsein” beschriebenen Schikanen gegen unliebsame Mitarbeiter keine moralischen Entgleisungen Einzelner, sondern kalt kalkulierte Werkzeuge zur Kostenoptimierung, die von oben gefordert und durch Wegsehen legitimiert werden.
Demgegenรผber gilt es zu bedenken, dass eine ausschlieรlich systemische Betrachtung die persรถnliche Verantwortung zu schmรคlern droht. Wer betrรผgt, bleibt fรผr seine kriminelle Energie verantwortlich, unabhรคngig davon, wie verlockend die Anreize seines Umfelds gestaltet sind. Auch im scheinbar paradiesischen Silicon Valley entscheidet letztlich jeder Mitarbeiter selbst, wie viel Lebenszeit und Identitรคt er einem Konzern รผberlรคsst.
Meiner Auffassung nach schlieรen sich diese Perspektiven jedoch keineswegs aus. Im Gegenteil: Wer das ermรถglichende System mit anklagt, entlastet das Individuum nicht, sondern macht die Analyse umso gnadenloser. Andernfalls wird zwar der gestรผrzte Held aussortiert, doch das unverรคnderte Geschรคftsmodell bringt lรคngst den nรคchsten Armstrong hervor โ und damit wรคre wenig gewonnen.
(233 Wรถrter)
Kurzanalyse der prรผfungsrelevanten C1-Stilmittel
Formelhafte Wendungen fรผr Stellungnahmen: โmeines Erachtens”, โmeiner Auffassung nach”, โes gilt zu bedenken”, โzugunsten โฆ spricht”
Konnektoren auf C1-Niveau: sei es โฆ oder, zugunsten, demgegenรผber, im Gegenteil, andernfalls, unabhรคngig davon, solange
Konjunktiv I/II: โgehรถre” (indirekte Rede), โwรคre wenig gewonnen” (Irrealis)
Erweiterte Partizipialattribute: โdie in einer โAnleitung zum Schweinsein’ beschriebenen Schikanen”, โdas ihn umgebende รkosystem”, โdas ermรถglichende System”
Nominalisierungen: Auseinandersetzung, Kostenoptimierung, Wegsehen, Entgleisungen
Passivkonstruktionen: โgefordert und โฆ legitimiert werden”, โwird โฆ aussortiert”